Medizynicus‘ Kafka-Award

5. Januar 2013

Medizynicus rief jüngst zur Bewerbung zum Kafka-Award-2013 auf, bei dem es um den Titel für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Bürokratie im Gesundheitswesen geht. Da will ich mich nicht lumpen lassen und schicke hiermit meinen Beitrag ins Rennen:

Die Studentisch-Private Krankenversicherung

Herzlichen Glückwunsch zum 25 Geburtstag! Sie sind StudentIn und ihr Vater bekommt für Sie von seinem Arbeitgeber nun keine Beihilfe mehr, somit steigt der monatlich zu zahlende Versicherungsbeitrag für Ihre private Krankenversicherung auf ca. 250€ an, nebst 20€ für Ihre Pflegeversicherung.
Um den Betrag auf ein zahlbares Maß zu reduzieren müssen Sie entweder
A) neben Ihrem Vollzeit-Studium ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis eingehen um in die gesetzliche Kasse wechseln zu können oder
B) eine studentisch private Krankenversicherung abschließen, die Sie zum Sonderschleuderpreis von ca. 130€ monatlich plus 20€ für die private Pflegeversicherung erhalten. Dafür dürfen die behandelnden Ärzte mit uns den 1,1 – 1,7 fachen Satz der GOÄ berechnen – quasi genau so viel (teilweise auch weniger) wie für einen normalen Kassenpatienten. Sie erhalten also die selben Leistungen wie in der Gesetzlichen Versicherung, bezahlen aber das Doppelte (und bekommen vom BAföG-Amt trotzdem nur einen KV-Abschlag von 68€) plus einen hohen Bürokratieaufwand und damit verbundenes schwaches Nervenkostüm extra!

Sie nehmen Möglichkeit B weil Sie kein Arbeitgeber für nur drei Monate in Teilzeit einstellen will bzw. ihr Turbo-Bachelor das ohnehin nicht erlaubt?

Hervorragend! Denn nun geht der Spaß erst richtig los. Da Sie Student sind und ihnen damit weniger Geld zur Verfügung steht als einem ALG II-Empfänger, gehen wir als Versicherer davon aus, dass Sie ihre Arztrechnungen nicht erst einmal selbst begleichen können (Das heißt, eigentlich denken wir das schon – aber dazu später…). Deshalb rechnen wir in diesem Fall, als private Krankenversicherung, ausnahmsweise selbst mit dem Arzt ab.
Um dieses Abrechnungsverfahren zu erleichtern bekommen Sie als Patient dafür aber keine Versichertenkarte, die jede/s Arztpraxis/Krankenhaus etc. durch ein Lesegerät ziehen kann – nein – Sie bekommen einen Ausweislappen im DIN A6 Format, der selbstverständlich NICHT in Ihr Portemonaie passt und den Sie halbjährlich in einer Bastelstunde mit einer Beitragsmarke bekleben müssen. Diese schicken wir ihnen bei fristgerechtem Eingang des Versicherungsbeitrags zu Semesterbeginn zu.
Bei jedem Arztbesuch nehmen Sie bitte ihren Ausweislappen mit. In der Praxis zeigen Sie ihn dann vor, damit die mit ihrem Versichertenstatus völlig aus dem Konzept gebrachten Sprechstundenhilfen staunend bewundern sehen können, dass Sie aktuell bei uns versichert sind. Außerdem geben Sie bitte einen von den beiden leeren, an uns adressierten Briefumschlägen ab, die Sie von uns erhalten haben. Darauf haben wir extra noch (mit Kuli) ihre Versicherungsnummer ergänzt damit wir das besser zuordnen können (falls Sie keine Umschläge mehr haben, rufen Sie uns an, wir schicken ihnen dann innerhalb vier Wochen wieder ZWEI neue zu – planen Sie also ihre Arztbesuche sorgfältig!). Mit diesem Umschlag kann der Arzt seine Rechnung nun direkt an uns schicken und mit uns abrechnen.
Damit der Arzt auch nicht zu viel abrechnet, gibt es unsere Merkblätter, welche Sie bitte ebenfalls zum Arzt mitnehmen. Zum einen das „Merkblatt für Ärzte“ und zum anderen das „Merkblatt für Zahnärzte“ in denen im feinsten Fachchinesisch steht, welche Behandlungen wie abzurechnen sind und das ganze Prozedere mit Umschlag und Ausweislappen nochmals erklärt wird (auch von diesen können wir ihnen falls Sie wirklich einmal zu einem anderen Arzt als den Hausarzt müssen bei Bedarf noch Zweitausfertigungen zusenden).
Der Arzt muss das Merkblatt lesen und sich mit den dort aufgeführten Bedingungen einverstanden erklären. Ist er nicht damit einverstanden und Sie werden wider Erwarten trotzdem behandelt und Sie unterschreiben beim Anmeldebogen in einer neuen Arztpraxis den Wisch für Privatpatienten, müssen Sie die Differenz des von uns festgelegten Leistungsbetrags vom Rechnungsbetrag selbst zahlen.
Ach ja. Und falls der Arzt über die PVS abrechnet, müssen Sie den Rechnungsbetrag ohnehin vorstrecken und für uns einen Leistungsantrag ausfüllen. Wie Sie wissen können, welcher GOÄ-Satz für welche Behandlung von uns übernommen wird, finden Sie am besten selbst heraus (und wir versichern Ihnen, nach der dritten Rechnung, die wir Ihnen nicht vollständig erstatten, haben auch Sie gelernt die Mahnungen von Ärzten zu ignorieren!), denn auch hier müssen Sie sich selbst mit dem Arzt rumschlagen, wenn dieser zu viel berechnet. Die Arschkarte haben dementsprechend immer SIE.
Und nochwas: Selbstverständlich bekommen Sie auch als Studentisch-Privat-Versicherte immernoch Privatrezepte, die Sie zunächst selbst zahlen müssen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich dabei um das 18€ Antibiotikum oder die 150€ Spritzenpackung handelt, die Sie alle 10 Tage benötigen. Es wird nach Einreichung des Leistungsantrags alles gleich schnell abgerechnet. Nämlich im vier Wochen Rhythmus, so dass Sie als Student stets über ein finanzielles Polster über 600€ verfügen sollten (da Apotheken in den seltensten Fällen anschreiben lassen) sowie über genügend Übersicht, Büroklammern und Zeit um die Leistungsanträge auszufüllen und in die Filiale zu tragen (oder über ausreichend Briefmarken um sie zu verschicken).

Bleibt nur noch die persönliche Empfehlung auszusprechen, dass Sie einen nahen Verwandten über die Konditionen und Abläufe unserer Studentisch-Privaten-Krankenverunsicherung schulen, der Sie dann im Falle eines Falles vor zu dicken Krankenhausrechnungen bewahrt. Denn wir zahlen ja alles – aber im Zweifel nichts.

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6 Antworten to “Medizynicus‘ Kafka-Award”

  1. wortmagie Says:

    Wäre es nicht so unfassbar traurig… Aber du hast es wunderbar geschrieben. Mir bleibt nur zu wünschen, dass du so selten wie irgendmöglich zum Arzt musst!!

    • wupperwasser Says:

      Danke dir! =)
      Ich bin ja jetzt wieder in der Gesetzlichen, von daher betrifft es mich nicht mehr… Wobei die ja auch ganz schön zicken können wie man so hört…

  2. medizynicus Says:

    Im Namen des Steuerungskomitees des für den diesjährigen Kafka-Award darf ich Dir hiermit herzlich gratulieren, dass das Bürgerforum „Mehr Bürokratie wagen“ auf seiner heutigen Sitzung beschlossen hat, Deinen Beitrag anzunehmen. Weiter so!

  3. Frau Vorgarten Says:

    Na, Du bist froh, dass Du jetzt einen Vollzeitjob ohne begleitendes Ebenfallsvollzeitstudium hast, he?
    sehr schön irre geschrieben. Ich überlege noch, wie viel wahrer Kern drin ist.

    • wupperwasser Says:

      Das bin ich. Und statt ausführlich erklären zu müssen wie man jetzt genau versichert ist so eine schicke Chipkarte abgeben zu können ist sooo toll! =)
      Dieses Prozedere in der PSKV fand übrigens seinen Höhepunkt, als ich mit Nasen-Nebenhöhlenentzündung und dickem Kopf in der Facharztpraxis stand und von einer unprofessionellen Ärztin regelrecht angeschnauzt wurde, weil ich keine Merkblätter mehr Zuhause hatte und deswegen keins vorlegen konnte (Als würden Ärzte die Abrechnung sofort nach dem Termin machen…. Ich bekam vorgestern noch eine Rechnung für August 2011!).
      Und wenn du mir nicht glaubst, dann google mal „PKV Merkblatt für Ärzte“. Im PDF steht alles nochmal erklärt und es gibt sogar ein Bild vom Ausweislappen. 😉


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