Eigentlich ganz gut

17. Mai 2012

Mit einer Schale selbst gemachten Rhabarber-Vanillepudding in der Hand bieg ich um die Ecke und betrete die Straße, in der Frau C. in einem Altbau eine Wohnung angemietet hat.  Aus den dreckigen Erdgeschoß-Fenstern dringt der Geruch von Zigaretten und Bier und mir wird bewusst, dass Sucht und Armut manchmal nur einen Straßenzug entfernt ist.

Als sich die Wohnungstür öffnet, erwartet mich Frau C. freudestrahlend in ihrer kleinen Küche. Ich muss mich leicht bücken um sie zu umarmen.

„Schön, dass sie gekommen sind! Ich hab leider nicht viel Platz…“ Mühsam reckt sich die kleine Frau nach einem Kleiderbügel um meine Jacke daran aufzuhängen. Währenddessen schaue ich mich kurz um. Auf ca. 30 qm ist in Schränken aus Buche-Furnier alles verstaut was ein Mensch so braucht. An den Wänden hängen Teller mit landschaftlichen Motiven, in der Ecke ein Vogelkäfig, darin ein einsamer Wellensittich und sein Plastik-Kamerad. Die Kunststoff-Platz-Sets erinnern mich stark an die, die damals auch auf Ommas Tisch gelegen haben.

Auf die Frage wie es ihr geht antwortet sie ausgiebig mit ihrem kroatischen Akzent: „Nicht so gut. Ich hatte eine Vorstufe von Lungenentzündung. War die ganze Woche nur beim Arzt. Davor, ich war bei Kardiologe, der hat mir Elektroschock-Therapie aufgeschrieben und Termin mit Krankenhaus gemacht – obwohl ich ja den Thrombus an Herz habe und mir Ärzte schon letzten Monat im Krankenhaus sagten, dass sie das nicht machen könnten. Dann ich war in Krankenhaus und die wussten von nix! Eine Ärztin fragte mich Frau C., wollen Sie sterben? und ich sagte nein, natürlich nicht und die Ärztin sagte dann was machen sie hier?

Ich höre ihr zu und während sie erzählt frage ich mich, wann es ihr wohl mal endlich wieder gut geht.

Frau C. berichtete mir schon bei unserer ersten Begegnung von dem nicht ganz so glatten Verlauf ihres Lebens in den letzten zehn von insgesamt 65 Jahren. Sieben Jahre pflegte sie ihren Mann, der durch mehrere Schlaganfälle bettlägerig war und ging nebenbei noch in der Fabrik arbeiten. Drei Tage nach der Beerdigung in Kroatien wurde sie, wieder  zurück in Deutschland, operiert. Diagnose: Darmkrebs. In den letzten drei Jahren war sie zehn mal stationär im Krankenhaus. Jetzt kämpft sie mit den übrigen Krebszellen und mit der Einstellung auf Cumarine, die bei ihr einfach nicht gelingen will. „Eigentlich wollte ich in Juni nach Hause fahren und den Sommer bei meiner Familie sein, aber ohne ärztliche Versorgung ich kann nicht!“ Sie hustet und keucht ein wenig.

Frau C. hat also die Wahl zwischen guter, ärztlicher Versorgung und ihrer Familie in Kroatien. Nur ein Bruder und seine beiden Töchter wohnen noch hier. „Meine Nichten kommen mich besuchen, aber sie müssen selber arbeiten – haben eigenes Leben, wissen sie? Ich habe sonst keinen mehr. Wenn ich in Krankenhaus bin, mein Bruder kommt nur kurz, er kann sich nicht unterhalten halbe Stunde, er erträgt das nicht. Kein Wunder!“ Sie berichtet davon, wie ihre Schwägerin leidend im Krankenhaus gestorben ist: Leberkrebs.

Dann holt sie ihr Fotoalbum hervor. „Hier ist meine Tochter bei der Heirat.“ Auf meine Frage, wo denn die Tochter jetzt sei, antwortet sie: „In Kroatien, in Pflegeheim. Sie hatte zwei Schlaganfälle und Schwiegersohn hat es nicht mehr geschafft sie zu pflegen.“ Und während ich darüber nachdenke, ob es eigentlich noch beschissener laufen könnte zeigt sie mir die Bilder der Vereidigung ihres Sohnes, den sie nur als „Schwein“ tituliert und zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr pflegt. Auf gefühlten 100 weiteren Seiten sehe ich Fotos von Menschen, die entweder tot, krank oder deren Ehe nach fünf Monaten gescheitert ist – selbst der Hund musste eingeschläfert werden.

Wir unterhalten uns über den örtlichen Supermarkt und die miserable Gemüseauswahl.

Dann fragt sie mich, wie es mir so geht: „Eigentlich ganz gut.“ sage ich. Und meine es so.

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Eine Antwort to “Eigentlich ganz gut”

  1. medizynicus Says:

    Ja, solche Leute haben wir auch des Öfteren bei uns auf Station… So viel Sch***** erlebt im Leben, und dann trotzdem noch eine ganz tolle optimistische Grundhaltung, weil man sich einfach nicht zu viele Gedanken macht oder auch gar keine Zeit hat zum Grübeln…


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