Digitaler Suizid

14. August 2011

Ein Film über die Eindrücke eines Facebook-Nutzers und seine daraus resultierende Entscheidung digitalen Selbstmord zu begehen.

Soziale Netzwerke sind mittlerweile zu sozialen Lebensräumen geworden. Mit eigenen Kommunikations- und Verhaltensnormen die im sozialen Netzwerk standard, in der realen Welt aber eher Ausnahmen sind. Oder würden Sie mit einem Megaphon in der Stadt herumlaufen, sich über den Chef aufregen und im nächsten Satz erzählen, dass ihre Katze Durchfall hat?!

Beim Thema „Freundschaft“ in sozialen Netzwerken ist es ähnlich. Dort ist es, wie im Film zu sehen, sehr leicht „Freunde“ zu finden und auch zu behalten. Ein simpler Klick genügt und schon gibt es mehr oder weniger tiefe Einblicke in das Privatleben des anderen: Der Arbeitskollege ist schwul (man hat`s ja immer schon gewusst), ein langjähriger Freund glaubt plötzlich an Jesus und der Lieblingsfilm ihres Vaters ist….. Dirty Dancing?! Der übliche Verhaltenskodex zwischen Freunden gilt nicht mehr. Das, was in den sozialen Beziehungen der realen Welt kaum einer wagt (weil es eine Freundschaft/Beziehung strapazieren könnte) wird auf Facebook und Co. tagtäglich praktiziert: Unverbindliche Anteilnahme am freudigen Ereignis durch den „Gefällt mir-Button“ oder eine kurze Floskel um aufzumuntern bei einem wirklich schlimmen Problem.

Wenn die Persönlichkeiten von Freunden permanent online abrufbar sind – wozu noch investieren und sich mit dem neuen Arbeitskollegen beschäftigen? Es ist viel bequemer einen strukturierten Text zu lesen und sich stille Gedanken machen zu können anstatt sich im direkten Gespräch auf die vier Seiten der Kommunikation einzulassen. Beziehung wird durch das Lesen/Kommentieren eines Profils und der Pinwand allerdings nur in den seltensten Fällen aufgebaut.

Und wie real sind die Persönlichkeiten, die wir auf Facebook treffen? Der Reiz einer virtuellen Dauerperformance erscheint groß, kann man doch vor seinen Freunden mit Eloquenz und Rhetorik glänzen. Im Gegensatz zum direkten Gespräch ist die Gefahr der unfreiwilligen Preisgabe von Charaktereigenschaften (bspw. ein Grinsen zu bestimmten Themen) in der Binärwelt nicht sehr groß. Das heißt nicht, dass wir nicht auch in der realen Welt verschiedene Rollen spielen. Wir sind Ehepartner, Arbeitnehmer, Elternteil, Kind, Vertrauter, Kollege, Kunde, Experte, Zuschauer etc. und das oftmals alles in einer Person. Auf der Straße ist es aber nicht so einfach, seine reale Persönlichkeit durch einen eingeübten, coolen Spruch zu überspielen. Das heißt, der Computerverkäufer im Fachgeschäft wird Ihnen ihr Fachwissen nicht abkaufen, weil Sie die mühsam auf Google recherchierten Fachwörter falsch aussprechen und über 70 sind. Ebenso wird Ihr Arbeitgeber die gestrige Kneipentour und den Sturz vom Tresen am Pfefferminzgeruch der von ihnen ausgeht und an ihrem humpelnden Gang ableiten können. Und die beste Freundin erkennt lediglich an ihrem plötzlich zuckenden Grübchen, wie es heute um Sie bestellt ist. Auf Facebook gibt es keine Gestik und Mimik, die verrät wie es dem anderen wirklich geht.

Ein anderer  Aspekt sozialer Netzwerke ist die Möglichkeit, untereinander Fotos und Informationen schnell und zielgerichtet auszutauschen und über Distanzen hinweg, ohne großen Zeit- und Kraftaufwand mit Freunden  in Kontakt bleiben zu können. So weiß man immer was gerade los ist und kann am gefilterten „Leben“ der anderen teilhaben. Die Frage, inwieweit diese Freundschaften bzw. Kontakte (die man oft auch ohne weiteres lediglich als „soziale Ressourcen“ bezeichnen könnte) auch ohne Facebook fortgeführt werden würden stellt sich für viele Nutzer nur kurz oder gar nicht.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich halte soziale Netzwerke prinzipiell für eine gute Sache, denn sie bieten viele gute Möglichkeiten um soziale Kontakte entstehen zu lassen und aufrecht zu erhalten – nicht zuletzt sind sie für viele Menschen ein Instrument zur politischen Organisation.  Aber man sollte nicht vergessen, dass man, während man im sozialen Netzwerk unterwegs ist, eigentlich allein vor einer Maschine sitzt. Meiner Ansicht nach entfaltet und offenbart sich die gesamte Persönlichkeit eines Menschen erst im realen Leben. Und nur dort kann man wirklich daran teilhaben.

Nicht nur für den Protagonisten im Film stellt sich letztlich die Frage „Wozu der ganze Aufwand?“.

Advertisements

6 Antworten to “Digitaler Suizid”

  1. Frau Vorgarten Says:

    das klingt wie ein völlig krankhafter Voyeurismus.
    Ich hab ja gehört, die sozialen Netzwerke seien gar nicht sozial.
    Was sagst Du als Fachfrau dazu?

    • wupperwasser Says:

      Soziale Netzwerke sind ja nicht nur im Netz vorhanden. Per (soziologischer) Definition ist ein soziales Netzwerk lediglich die Abbildung einer Gruppe von Akteuren, die zueinander in bestimmten Verhältnissen stehen und „soziale Interaktion“ betreiben. Soziale Interaktion findet (grob gesagt) dann statt, wenn die Akteure im Netzwerk ihr Handeln nach einander richten und aufeinander beziehen. Das passiert bei StudiVz genauso wie in der Gemeinde und hat ganz viel mit Kommunikation zu tun.
      Aber damit ist ja nun immer noch nicht geklärt, ob das soziale Netzwerk jetzt „sozial“ ist, oder nicht. Das kommt nämlich wiederum auf dein Verständnis des Wörtchens „sozial“ an. Wenn du unter „sozial“ das verstehst:

      „[…] dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend; die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den [wirtschaftlich] Schwächeren schützend
      […]“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/sozial#Bedeutung1d )

      dann finde ich persönlich nicht, dass das soziale Netzwerk an sich „sozial“ ist, denn das „soziale“ ergibt sich doch aus der Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren. Und die ist auch ohne soziales Netzwerk möglich und funktioniert aufgrund der „Barrierefreiheit“ (mit Barriere meine ich natürlich die sinnliche Einschränkung am PC) real viel besser.

  2. Frau Vorgarten Says:

    bist Du bei Fazebuk?

  3. wupperwasser Says:

    Ich hab mein Alter-Ego bereits im Februar umgebracht.

  4. ohnevorwaesche Says:

    Hallo, das Video ist richtig KLASSE ! Facebook war eine gute Idee, mittlerweile hat es sich zu einer Krake verwandelt. Habe meinen Account auch gelöscht! Meinen realen Freunden ist es egal ob ich bei Facebook bin oder nicht ! Weniger ist mehr!
    Schönes Wochenende
    Mrs. Jones

    • wupperwasser Says:

      Hallo Mrs. Jones!
      Sie können sich glücklich schätzen, solche Freunde zu haben. Ich hörte von einigen, bei denen sich soziale Isolation einstellte, nachdem sie ihr Konto löschten. Meine Tante sagt immer: „Man muss sich schon freuen, wenn man nur einen, richtigen Freund hat.“ Recht hat sie.

      Übrigens, willkommen hier! =)


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s